Finanzprodukte sind wie Asbest oder Quecksilber: Zu verbieten
Die toxischen Papiere in unserem Finanzsystem haben mittlerweile bedrohliche Formen angenommen. Weit über 11'000 Milliarden sind zur Rettung der Weltwirtschaft schon ausgegeben worden und ein Ende ist nicht absehbar. Die Banken werden noch weitere Kredite brauchen - de facto sind sie pleite - sowie bis vor kurzem kerngesunde Unternehmen ebenfalls Milliarden brauchen um zu überleben (Die Verantwortlichen sind noch immer nicht abgetreten). Doch woher nehmen? Oft wird auf Japan verwiesen und sein verlorenes Jahrzehnt. Eine Analyse (1) zeigt, dass Japan vor allem von starken Exporten profitiert hat, um aus der Krise herauszufinden. Doch die Welt als ganzes kann sich nicht aus diesem Sumpf "hinaus exportieren". Und der Hinweis von Krugman, dass ein Überhang an Schulden beim letzten Mal erst durch einen Weltkrieg "weg korrigiert" ist in der Vorstellung erschreckend.
Nehmen wir an, der Aufschwung kommt irgendeinmal zurück. Was ist zu tun, dass eine solche Situation sich nicht wiederholt?
Quecksilber ist selbst in kleinsten Dosen für Mensch und Tier schädlich. Gleich verhält es sich mit Asbest. Beides sind natürliche Stoffe, die für sich allein gelassen kein Problem darstellen, die Folgen deren industrieller Nutzung für uns aber gravierend sind. Deswegen wird die Verwendung dieser Stoffe stark reguliert und bisweilen sogar verboten.
Und genau das sollten wir mit komplexen Finanzprodukten tun: Verbieten.
Oder deren gebrauch zumindest stark einschränken und hart regulieren. Das hat nichts mit Sozialismus zu tun, sondern mit einer grundliberalen Einstellung: Ein freier Markt braucht gescheite Regeln.
Diese "Produkte" haben gleich wie Quecksilber und Asbest - wie wir gerade erfahren - äusserst schädliche Nebenwirkungen. Die vielleicht in Teilen sogar sinnvolle Anwendung ist nicht weiter zu verantworten. Wir können die Auswirkungen nicht kontrollieren: Die sogenannten mathematischen Risikomodelle haben versagt und Besserung ist nicht in Sicht.
Es gibt ein Vorbild im Gesundheitssektor: Die staatlichen Arzneimittelstellen. Bei uns die Swissmedic und in Amerika die FDA. Der Auftrag von Swissmedic lautet: Wir sorgen dafür, dass die zugelassenen Heilmittel qualitativ einwandfrei, wirksam und sicher sind.
Und genau das brauchen wir auch für den Finanzplatz.
Eine Behörde die vorgängig prüft, die ein hartes und über mehrere Stufen führende Zulassungsverfahren durchführt. Zum Beispiel mit einem Markttest des "Produkts" über mehrere Jahre zuerst als reines "virtuelles Produkt", anschliessend in einem begrenzten kleinen Markttest, etc. So halt wie man das bei Medikamenten aus gutem Grund schon lange macht.
Die Finma und ihr glückloser Chef von Bankers' Gnaden und die SEC haben bewiesen, dass sie diese Behörden nicht sein können.
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(1): Die Analyse geht auf Richard C. Koo zurück, Autor des Buches The Holy Grail of Macroeconomics (John Wiley, 2008). Eine Zusammenfassung seiner Ideen hat er anlässlich einer Tagung dargelegt. Das PDF dazu hat's in sich (Must Read!), sein konkreter Vorschlag ist goldrichtig:

comments
dann sind wir wieder bei der frage wer die prüfer prüft und ob tatsächlich experten (die sich ja auch über die gesundheitsgefährdung von quecksilber und asbest lange nicht einig waren) sich wirklich weniger irren wie der markt...
Richtig, doch zumindest befindet sich Swissmedic und unter staatlich, sprich demokratisch legitimierter Aufsicht was unendlich viel besser ist als den Finanzmarkt selbsternannten Experten zu überlassen.
Wichtig ist, dass die Käufer wissen, was das Wesen der strukturierten Produkte ausmacht, dass vor allem Emittent, Lead-Manager und alle Intermediäre darauf einen risikofreien Gewinn von 1-4% erzielen. Dazu kommt das ggf. grosse Downside-Risiko und ein Emittenten-Risiko (Lehman).
Aufgrund des Downside-Risikos würde ich die Produkte nicht verbieten - auch Optionen und Futures sind Risikoreich und keiner stellt ihren Sinn in Frage. Und so sind auch viele der Strukturierten Produkte nützlich für gewisse Formen des Hedging, für risikoaverse oder risikoliebende Anleger. Verbieten sollte man sie also eher nicht - auch nicht nur die kompliziertesten ihrer Art, denn kompliziert heisst nicht unbedingt gefährlich oder unnütz (auch wenn sich der Verdacht aufdrängt).
Grösser ist die Gefahr, dass man bei den komplizierten Produkten abgezockt wird. Diese werden nämlich nur auf der Suche nach Rendite "erfunden", weil sie, je exotischer sie sind, nicht mehr mit Konkurrenzprodukten vergleichbar sind. Sollte man also die erzielbare Rendite für ein Produkt limitieren? Dieser Eingriff erscheint mir jedoch auch ein wenig zu tiefgriefend.
Welche Arten von Regulation wären noch möglich? Nach welchen Kriterien sollte der Regulator entscheiden, was ein gutes Produkt und was ein schlechtes Produkt ist?
Es gibt nicht gute und schlechte Produkte per se. Aber längst nicht alle sind für jeden Anleger geeignet. Und wie bei den Medikamten kommt es auch hier auf die Menge an. Aber im Grossen und Ganzen haben in der letzten Zeit fast alle diese Finanzprodukte Kopfschmerzen bereitet.Zudem sollte eine Klassierung solcher Produkte kein unüberwindbares Problem sein.
Herr Dr. Selz (oder Dorian ... unter Bloggern) ... ich habe mir erlaubt, obigen Beitrag am Freitag im Finanzblog zu zitieren.
